Koschorke Narrative Essays

LEO: Literacy Education Online

Narrative Essays


As a mode of expository writing, the narrative approach, more than any other, offers writers a chance to think and write about themselves. We all have experiences lodged in our memories which are worthy of sharing with readers. Yet sometimes they are so fused with other memories that a lot of the time spent in writing narrative is in the prewriting stage.

In this stage, writers first need to select an incident worthy of writing about and, second, to find relevance in that incident. To do this, writers might ask themselves what about the incident provided new insights or awareness. Finally, writers must dredge up details which will make the incident real for readers.

Principles of Writing Narrative Essays

Once an incident is chosen, the writer should keep three principles in mind.
  1. Remember to involve readers in the story. It is much more interesting to actually recreate an incident for readers than to simply tell about it.
  2. Find a generalization which the story supports. This is the only way the writer's personal experience will take on meaning for readers. This generalization does not have to encompass humanity as a whole; it can concern the writer, men, women, or children of various ages and backgrounds.
  3. Remember that although the main component of a narrative is the story, details must be carefully selected to support, explain, and enhance the story.

Conventions of Narrative Essays

In writing your narrative essay, keep the following conventions in mind.
  • Narratives are generally written in the first person, that is, using "I." However, third person ("he," "she," or "it") can also be used.
  • Narratives rely on concrete, sensory details to convey their point. These details should create a unified, forceful effect, a dominant impression. More information on sensory details is available.
  • Narratives, as stories, should include these story conventions: a plot, including setting and characters; a climax; and an ending.

Return to the Write Place Catalogue

For questions and suggestions, please e-mail us at leolink@stcloudstate.edu.


© 1995, 1996, 1997 The Write Place
This handout was written by Judith Kilborn for the Write Place, St. Cloud State University and may be copied for educational purposes only. If you copy this document, please include our copyright notice and the name of the writer; if you revise it, please add your name to the list of writers.

Last update: 28 September 1997

URL: http://leo.stcloudstate.edu/acadwrite/narrative.html


Narration und Narratologie. Erzähltheorien in der Geschichtswissenschaft

Historikerinnen und Historiker verfassen ihre Geschichten selbst, aber „nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen”.[1] Mit dieser Umformulierung des berühmten Marx’schen Diktums lassen sich Spielräume und Abhängigkeiten beim Verfassen von Texten charakterisieren, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Denn zu den vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen gehören zweifellos auch narrative Muster und Erzählstrukturen, in die sie als Verfasser/innen von Geschichten schon immer eingebunden sind.

Narrative und Erzählungen haben in den Kulturwissenschaften seit geraumer Zeit Konjunktur. Galt die Erzählung im Zuge der Hegemonie naturwissenschaftlicher Modelle lange als eine vermeintlich minderwertige Form der Erkenntnis bzw. der Erkenntnisvermittlung, so hat sie zuletzt unverkennbar eine weitgehende Rehabilitierung erfahren. Nach dem Ende der „großen Erzählungen” avanciert die Narration zu einer kulturwissenschaftlichen Leitkategorie, die in so unterschiedlichen Bereichen wie der Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte, aber auch in der Gedächtnisforschung, Filmwissenschaft, Soziologie, Psychologie und Rechtswissenschaft Anwendung findet.[2]

Nach einer Einführung in zentrale narratologische Theorien und Grundbegriffe stellen wir in einem zweiten Schritt narratologische Ansätze in der Theorie und Methodik der Geschichtswissenschaft vor. Abschließend sollen einige Anwendungsfelder in der Geschichtswissenschaft aufgezeigt werden.

Was heißt Erzählen?

Roland Barthes leitet seine Abhandlung über die strukturale Analyse von Erzählungen mit der lapidaren Bemerkung ein: „Die Erzählung schert sich nicht um gute oder schlechte Literatur: sie ist international, transhistorisch, transkulturell, und damit einfach da, so wie das Leben.”[3] Da Menschen also offenkundig überall und immer schon erzählt haben und unsere Kultur von Erzählungen durchdrungen ist, steht narratologischen Ansätzen prinzipiell ein enormer Anwendungsbereich offen. Dies geht indes nicht selten mit einer allzu großen Beliebigkeit einher, die den Begriff seiner Konturen beraubt – dem Narrativ scheint dasselbe Schicksal zu drohen, welches seinen Verwandten, den Diskurs, schon vor geraumer Zeit ereilt hat. Will man den Begriff des Narrativen jenseits der Literaturwissenschaften fruchtbar machen, ist es vonnöten, nach den Möglichkeiten und Grenzen seiner An- und Ausweitung zu fragen. Im Zentrum stehen dabei zunächst jene spezifischen Leistungen und Funktionen, die Erzählungen weit über den Bereich der Literatur hinaus zugeschrieben werden können. Bei aller Unterschiedlichkeit kommen diese doch zumindest an zwei Punkten grundlegend überein: Erzählungen zeichnen sich erstens durch das „Zusammensetzen der Geschehnisse”,[4] also durch spezifische Verknüpfungen, sowie zweitens durch eine genuin temporale Struktur aus, sodass man sie generell als zeitlich strukturierte Repräsentation von Ereignissequenzen begreifen kann.

Der epistemische und ontologische Status von Erzählungen

In einem sehr weiten Sinne lässt sich Erzählen als eine grundlegende Form des Weltzugangs begreifen, als narrative „Weise der Welterzeugung”, wie es Nelson Goodman ausgedrückt hat.[5] Der Kognitionswissenschaftler Mark Turner erhebt die narrative Imagination gar zu „dem” fundamentalen Instrument des menschlichen Denkens schlechthin.[6] Für ein Verständnis der kognitiven Funktion des Erzählens scheint eine derart ausgreifende Bestimmung indes wenig sinnvoll. Eine differenziertere Sichtweise hat der Kognitionspsychologe Jerome Bruner entwickelt. Bruner unterscheidet zwei fundamentale Denkmodi: den paradigmatischen und den narrativen. Dabei zeichnet sich der narrative Denkmodus durch das Nachvollziehen von Geschichten und die Herstellung von Plausibilität und „Wahrhaftigkeit” aus, während der paradigmatische das logisch-wissenschaftliche – oder erklärende – Denken umfasst, auf „Wahrheit” bezogen ist und sich argumentativ entfaltet.[7] Der erzählende Modus wird dabei als kognitive Struktur begriffen, die der Mensch Erfahrungen und Handlungen erst auferlegt, um diese in eine mehr oder weniger kohärente Ordnung zu überführen: Zwischen „Leben” (bzw. „Geschehen”) und ‚„Denken” (bzw. „Repräsentation”) gibt es also keine Kontinuität, sondern einen Bruch. Auf den Punkt gebracht hat diese Auffassung der amerikanische Philosoph Louis Mink: „Stories are not lived but told. Life has no beginnings, middles, or ends.”[8] Demnach macht es also gar keinen Sinn, von erlebten, aber nichtartikulierten Geschichten zu sprechen, besteht das Wesen einer Geschichte doch in der narrativen Strukturierung und Artikulation.

Dieser narrative Konstruktivismus ist freilich nicht unumstritten. Auf der anderen Seite stehen Positionen, die Leben und Erzählen eng aufeinander beziehen. Im Sinne eines grundlegenden „narrativen In-der-Welt-Seins”[9] wird hier die Ansicht vertreten, das menschliche Leben selbst ließe sich als Geschichte oder Erzählung begreifen und werde als solche erfahren.[10] Am weitesten in diese Richtung argumentierte der Husserl-Schüler Wilhelm Schapp, als er den Menschen zu einem fundamental „in Geschichten verstrickt[en]” Wesen erklärte. Dabei verneinte er konsequent die Frage, ob es überhaupt „etwas außerhalb von Geschichten geben könnte”.[11] Dass Schapp relativ wenig rezipiert wird, liegt wohl nicht zuletzt an diesem Pan-Narrativismus, läuft sein phänomenologischer Ansatz doch letztlich darauf hinaus, den Bruch zwischen Geschehen und Erzählung gänzlich aufzuheben.[12] Ungefähr zeitgleich ist das narrative In-der-Welt-Sein auch von Hannah Arendt problematisiert worden. In „Vita activa“ (1958) beschreibt sie ein „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten”, welches sich in „klar erkennbare[n] Muster[n]” manifestiere, die „als Lebensgeschichten erzählbar” seien.[13]

An diese Überlegung anknüpfend, versucht der Moralphilosoph Alasdair MacIntyre, die personale Identität „in der Einheit einer in einem einzigen Leben verkörperten Erzählung” zu verankern und wendet das zitierte Diktum Louis Minks entsprechend ins Gegenteil: „Geschichten werden gelebt, bevor sie erzählt werden.”[14] Kritiker haben indes nicht nur den normativen Charakter dieser Positionen – die Auffassung, ein sinnvolles Leben sei an eine konsistente narrative Form gebunden – problematisiert, sondern auch auf die hier zum Ausdruck kommende Überforderung der Erzählung hingewiesen. Demgegenüber ist, wie Dieter Thomä betont, die Stärke der Erzählung eben „nicht im totalisierenden Ausgriff, sondern in der Beschränkung auf das Besondere” zu sehen.[15]

Eine dritte, in gewisser Hinsicht vermittelnde Position nimmt Paul Ricœur ein. Im Anschluss an Aristoteles beschreibt er einen dreifachen „Kreis der Mimesis”: Demnach basiert die erzählerische Komposition grundsätzlich auf einem „Vorverständnis”, weist also – entsprechend der Positionen Schapps und Arendts – eine „pränarrative Struktur”[16] auf. Dabei insistiert er indes auf dem eigenständigen und kreativen Charakter der eigentlichen narrativen Verarbeitung. Diese „Refiguration” stellt – durchaus im Sinne des narrativen Konstruktivismus – einen grundsätzlichen Bruch dar, wirkt aber auf einer dritten Ebene wiederum auf die Wirklichkeit bzw. die Welt des Handelns zurück.[17] Die entscheidende Funktion kommt dabei der narrativen „Konfiguration” zu. Dabei wird ein vormals heterogenes zeitliches Geschehen zu einem kohärenten Ganzen – eben einer Geschichte – zusammengesetzt. So werden in Erzählungen nicht nur Geschehnisse oder Handlungen, sondern gänzlich disparate Elemente – Akteure, Handlungen, Gegenstände, Zeiten, Orte etc. – in einer „Synthesis des Heterogenen” miteinander verknüpft und zu spezifischen Plots oder Fabeln verdichtet.[18]

Genau hier liegt schließlich die spezifische Stärke von Erzählungen: Geschichten bestehen eben nicht aus der Aneinanderreihung oder bloßen Aufzählung des immer Gleichen und Erwarteten. Vielmehr thematisieren sie Abweichungen und Wandlungen, also das Unerwartete und dessen Konsequenzen. Von diesem Bruch mit dem Routinemäßigen hängt es ab, ob ein Geschehen überhaupt als erzählenswert gilt.[19] Das entscheidende Moment der narrativen Repräsentation besteht nun darin, Veränderungen, wie es bei Aristoteles heißt, „gleichwohl folgerichtig auseinander hervorgehen zu lassen”.[20] Erst aus ihrer Verkettung beziehen die einzelnen Elemente der Erzählung ihre Bedeutung, verwandelt sich kontingentes Geschehen in Geschichte. In diesem Sinne betont Ricœur die Fähigkeit und Leistung von Erzählungen, den „Kontingenzeffekt in einen Notwendigkeitseffekt”[21] umschlagen zu lassen und die „wilde Kontingenz” in eine „geregelte Kontingenz” zu überführen.[22]

Von dieser sinn- und kohärenzstiftenden Funktion ausgehend, haben Sozialpsychologen vor allem die zentrale Rolle von Selbsterzählungen bei der Konstitution und Transformation personaler und kollektiver Identität untersucht und verschiedene Konzepte „narrativer Identität” entwickelt.[23] Von besonderer historischer Relevanz sind dabei „Kollektiverzählungen”, also innerhalb einer Gesellschaft zirkulierende intersubjektive Geschichten.[24] Solchen öffentlichen Erzählungen kommt schließlich gerade in Prozessen kollektiver Identitätsbildung eine wichtige Funktion zu.[25] Auch hier spielen sinnhafte Verknüpfung und narrative Integration disparater Erfahrungen oder Ereignisse eine zentrale Rolle. Kulturelle Erzählungen oder Erzählmuster konstituieren aber nicht nur Gemeinschaften, sondern markieren zugleich ihre Grenzen. In diesem Sinne lassen sich Kulturen auch als spezifische Erzählräume beschreiben, innerhalb derer bestimmte Narrationen nicht nur sinnhaft erscheinen, sondern eine zugleich integrative und exkludierende Kraft entfalten.[26] Ein besonders nachhaltiges und gut erforschtes Beispiel für diesen Prozess stellt die konstitutive Bedeutung von Erzählungen im modernen Nationalismus dar. Die „Synthesis des Heterogenen” besteht hier in der sinnhaften Zusammensetzung der disparaten Vergangenheiten der Nation sowie der narrativen Fokussierung auf spezifische fundierende Ereignisse und entscheidende Wandlungen.[27]

Grundbegriffe der Narratologie

Für die genauere Analyse von Erzähltexten lässt sich auf Terminologien und Instrumentarien zurückgreifen, wie sie die Erzählforschung bzw. Narratologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.[28] Als grobe Orientierung lässt sich hier zwischen sogenannten klassischen und strukturalistischen Ansätzen unterscheiden.[29] In der klassischen Erzählforschung fungiert die vermittelnde Instanz des vom Autor unterschiedenen Erzählers und damit die „Mittelbarkeit als Gattungsmerkmal der Erzählung”. Dabei werden je nach Grad der Involviertheit des Erzählers in das erzählte Geschehen verschiedene Typen oder Erzählsituationen – etwa Ich-Erzähler, personaler Erzähler und auktorialer Erzähler – unterschieden.[30] Eine Erzählung ist demnach eine durch eine Erzählinstanz vermittelte Geschichte. Dieser engen Fassung des Erzählbegriffs zufolge gehören etwa Drama, Film oder Comic gar nicht zu den Erzählungen, weil sie keine distinkte Erzählinstanz aufweisen. Gegen diese Einschränkung ist denn auch der Vorwurf „medialer Einäugigkeit” erhoben worden, und so interessiert sich die heutige Erzählforschung gerade für die Vielfalt medialer Repräsentationsformen von Erzählungen.[31]

Demgegenüber wird Narration in der strukturalistischen Narratologie als grundlegender sprachlicher Modus aufgefasst, der entsprechend von anderen Modi oder Texttypen unterschieden werden kann.[32] Als klassische Gegenpole der Narration fungieren die Deskription und die Argumentation. Sowohl der argumentative als auch der deskriptive Modus gelten dabei als grundsätzlich statisch – ihnen fehlt das temporale Moment der Narration: Argumentationen sind auf Überzeugung ausgerichtet und gehen deduktiv oder induktiv vor; Deskriptionen vollziehen Zuschreibungen bestimmter Eigenschaften an Objekte, Personen oder Situationen und entfalten eine synchrone wie räumliche Ordnung. Demgegenüber thematisieren Narrationen Veränderungen (von Zuständen oder Situationen). Dieser Minimaldefinition zufolge lässt sich mithin jede Repräsentation zeitlich strukturierter Ereignissequenzen als Erzählung bestimmen. Insofern die Historie konstitutiv auf Wandel – das Gewordensein der Welt – bezogen ist, kann es demnach keine nicht-erzählende (also rein beschreibende und rein argumentierende) Historiografie geben.

Eine weitere grundlegende Unterscheidung der strukturalistischen Narratologie bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Form und Inhalt des Erzählten: Weil sich jede Geschichte bzw. jedes Geschehen auf vielfache Weise erzählen lässt, kann zwischen dem „Was” und „Wie” der Erzählung differenziert werden. Dabei wird die Inhaltsseite in der Regel als „Geschichte” (story)und die Darstellungsseite als „Diskurs” oder „Erzählung” (discourse) bezeichnet.[33] Auch wenn die jüngere „transmediale” Narratologie auf die Problematik dieser strukturalistischen Unterscheidung hingewiesen und betont hat, dass die story in erheblichem Maße von ihrer konkreten Darstellung in verschiedenen Medien abhängt,[34] lässt sich zumindest aus heuristischen Gründen an dieser Unterscheidung festhalten.

Ein weiterer – später durch Hayden White prominent in der historiografischen Debatte verankerter – Begriff ist derjenige des plot. Damit wird ein bereits aufbereitetes Grundmotiv einer Geschichte bezeichnet, das über die bloße (chronologische oder episodische) Aneinanderreihung von Handlungen oder Geschehnissen hinausgeht und diese vielmehr aufeinander bezieht oder auseinander hervorgehen lässt.[35] Eingeführt und anhand eines prägnanten Beispiels erläutert wurde diese Unterscheidung durch den britischen Schriftsteller E.M. Forster: „'The king died and then the queen died' is a story. 'The king died and then the queen died of Grief' is a plot.”[36] Ein Plot – oder Narrativ – bezeichnet demnach ein bestimmtes Handlungsschema oder Erzählmuster, welches auf eine prinzipiell unendliche Fülle von Ereignissen und Handlungen bezogen werden kann und sich aus diesem Grund als zugleich stabil und flexibel erweisen muss.[37] Dabei hat es verschiedene Versuche gegeben, Narrative zu systematisieren und auf grundlegende Formen zu reduzieren.

In der Debatte um die narrativen Strukturen in der Historiografie spielt dabei vor allem das Schema des kanadischen Literaturwissenschaftlers Northrop Frye eine zentrale Rolle: Frye unterscheidet im Rückgriff auf Aristoteles vier „generic plots” – Romanze, Tragödie, Komödie, Satire –, die jeder literarischen Schöpfung zugrunde liegen.[38] Die heutige – kulturwissenschaftlich bzw. kulturhistorisch orientierte – Narratologie ist von der Vorstellung universaler, zeit- und kulturübergreifender Erzählstrukturen jedoch abgekommen. Vielmehr wird hier davon ausgegangen, dass Erzählmuster historisch wandelbare Phänomene kollektiver Wirklichkeitserzeugung und intersubjektiver Verständigung sind, die grundsätzlich von kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten abhängen: Sie sind also immer Brüchen und Wandlungen unterworfen.[39]

Faktuales erzählen: Erzählen in den Wissenschaften

Dass auch jenseits der fiktionalen Literatur erzählt wird, ist ein Allgemeinplatz. Die Frage indes, inwieweit sich literarisch-fiktionale von nicht-fiktionalen Erzählungen – faktualen Erzählungen[40] oder Wirklichkeitserzählungen[41] – unterscheiden, ist schwieriger zu beantworten. Für eine narratologische Annäherung an faktuale Texte stellt sich zunächst weniger die Frage, inwieweit der dargestellte Inhalt einer Aussage einer außertextlichen Wirklichkeit entspricht, als vielmehr, ob und inwieweit sich diese Differenz anhand spezifischer sprachlicher Merkmale erkennen lässt.

In diesem Zusammenhang kann sinnvoll auf die Unterscheidung zwischen Fiktivität und Realität auf der einen sowie Fiktionalität und Faktualität auf der anderen Seite zurückgegriffen werden. Die Frage, ob die Inhalte eines Textes fiktiv oder real sind, bezieht sich auf den ontologischen Status des Dargestellten und damit auf die Referenz, also den Bezug auf eine außersprachliche Wirklichkeit. Demgegenüber verweist Fiktionalität auf einen bestimmten Erzählmodus, der bei den Leserinnen und Lesern die Erwartung auslöst, es mit einer im Wesentlichen imaginären Welt zu tun zu haben. Im Unterschied dazu verweist der Modus der Faktualität (oder des faktualen Erzählens) auf Texte, die auf die Vermittlung wahrer Sachverhalte abzielen und von den Rezipient/innen auch entsprechend verstanden werden – und zwar unabhängig davon, ob die dargestellten Inhalte auch tatsächlich wahr sind.[42] In diesem Sinne ist der Inhalt berühmter Fälschungen bzw. Erfindungen – wie etwa bei den „Hitler-Tagebüchern“ – zweifellos fiktiv, während diese Texte gleichzeitig keine fiktionalen, sondern faktuale Erzählungen darstellen.

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie sich ein fiktionales Werk als solches zu erkennen gibt oder „entblößt”.[43] Alle Versuche jedoch, jenseits sogenannter paratextlicher Merkmale[44] (wie die auf dem Cover erfolgte Kennzeichnung als Roman) solche „Signposts of Fictionality”[45] oder „Fiktionssignale”[46] linguistisch zu bestimmen, haben letztlich nicht zu überzeugen vermocht. Darauf insistieren gerade analytische Sprachphilosophen wie John R. Searle: „There is no textual property, syntactical or semantic that will identify a text as a work of fiction.”[47] Fiktionssignale hängen vielmehr von gesellschaftlichen Konventionen ab und erweisen sich mithin als historisch variabel. Das Gleiche gilt umgekehrt auch bei „Wissenschaftssignalen”, also jenen textlichen Markern, die den Leser/innen deutlich machen, dass es sich um ein den zeitgenössischen Wissenschaftspraktiken folgendes Werk handelt. Entsprechende paratextliche Merkmale (Fußnoten, Quellen- und Literaturverzeichnis, das Format wissenschaftlicher Zeitschriften) lassen sich leicht ausmachen. In diesem Sinne kann man neben einem „fiktionalen Pakt”[48] von einem Wissenschaftspakt (im Falle der Geschichtsschreibung von einem „historiographischen Pakt”[49]) sprechen. Dieser Pakt garantiert den Leser/innen qua Konvention, dass der jeweilige Text der Gattung „Wissenschaft” zuzuordnen ist. Während die Fiktion voraussetzt, dass die Leser/innen freiwillig ihre Ungläubigkeit aufgeben, wenden sich Wissenschaftler/innen an eine misstrauische Leserschaft, die erwartet, dass die Darstellung nach wissenschaftlichen Kriterien beglaubigt ist.[50] Damit ist die Vorstellung verbunden, dass sich der Autor oder die Autorin an historisch variable, aber eben wissenschaftliche Standards hält, zu denen auch die Wahrheitstreue und die Überprüfbarkeit des herangezogenen empirischen Datenmaterials gehören.

Teil dieses Pakts ist es ebenfalls, dass die Leser/innen von einer Identität zwischen Autor und Erzähler in wissenschaftlichen Texten ausgehen. In diesem Sinne hat Gérard Genette das Zusammenfallen beider als generellen Indikator faktualen Erzählens geltend gemacht, da hier die persönliche Verantwortung und Haftbarkeit des individuellen Autors für das Erzählte maßgeblich sei.[51] Gegen dieses Argument kann man jedoch mit guten Gründen einwenden, dass auch wissenschaftliche Texte eine prägnante Erzählstimme, eine eigene Rhetorik und einen eigenen erzählerischen Stil entfalten.[52] In historiografischen Texten etwa kann der Erzähler die Stimme des Augenzeugen, des Verteidigers, des Untersuchungsrichters, des Detektivs, des Angeklagten oder eines sich zur Wehr setzenden Marginalisierten einnehmen und dies je nach Position und Zweck der Darstellung nüchtern, beschwörend, distanziert, emotionalisierend, pastoral oder analytisch vorführen.[53] Zudem weisen wissenschaftliche Texte oft Erzählinstanzen auf, die keineswegs mit den realen Verfassern zusammenfallen oder diese noch nicht einmal indizieren. So korrespondiert etwa das als Erzählinstanz in wissenschaftlichen Texten häufig in Erscheinung tretende „Wir” in der Regel nicht mit einer pluralen Autorschaft, sondern stellt eine literarische Konvention dar, die ein Forscher/innen- oder Leser/innenkollektiv konstruiert. Ebenso wenig müssen die als Autor/innen (natur-)wissenschaftlicher Fachaufsätze aufgeführten Namen den realen Verfassern des Textes entsprechen. Vielmehr enthalten sie in der Regel auch die Namen von Personen – etwa von Instituts- oder Laborleitungen –, die in die konkrete Forschungspraxis mitunter gar nicht involviert sind.

Divergierende Erzählstimmen und Erzählinstanzen machen aus wissenschaftlichen Texten natürlich noch keine schöngeistige Literatur und sprechen auch nicht für eine „pan-fiktionalistische” Einebnung der Differenz zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Sie weisen indes auf die Interferenzen und Anleihen zwischen beiden Erzählkonventionen hin – also die Verwendung von Fiktionssignalen in faktualen Darstellungen oder die Rolle von „Wirklichkeitseffekten”[54] in der fiktionalen Literatur.

Narratologische Ansätze in der Geschichtstheorie

In der Geschichtswissenschaft – oder aber spezifischer: der Geschichtstheorie – ist sicherlich Hayden White der bekannteste Vertreter eines narratologischen Ansatzes.[55] White behauptet in seinem 1973 erschienenen Buch „Metahistory” (sowie in zahlreichen Aufsätzen), Historiker/innen stünde nur eine bestimmte Anzahl von Darstellungsmodi zur Verfügung, um eine Geschichte zu erzählen.[56] Sprache, so eine seiner Ausgangsüberlegungen im Anschluss an den linguistic turn, sei kein transparentes Medium, sondern strukturiere den Sinn jeder Erzählung.

Cover: Hayden White, Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe, Johns Hopkins University Press, Baltimore 1973 Wikipedia (gemeinfrei).

Im Rückgriff auf den skizzierten narratologischen Plotbegriff führt White den Terminus des emplotment ein. Damit bezeichnet er eine spezifische Sinnzuweisung an die erzählte Vergangenheit: Historiker/innen, die vor einem Chaos von Fakten stehen, weisen nach der chronologischen Anordnung der Ereignisse – einer ersten, spartanischen Form der Erzählung – der Geschichte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende und damit einen Plot zu. Im Rückgriff auf die Typologie Fryes geht er dabei von nur vier „archetypischen” Erzählmustern aus – Romanze, Komödie, Tragödie und Satire bzw. Ironie. Historische Darstellungen beruhen nach White letztlich auf einer Dramatisierung historischen Geschehens, doch wie bei Frye erscheinen diese Erzählmuster als eigentümlich unbestimmt, zumal eine historisierende Perspektive auf diese wandelbaren Gattungsformen fehlt.[57]

Historiker/innen, so White, erfassten dabei jedoch keineswegs den romanzenhaften, tragischen, komischen oder ironischen Sinn der Geschichte, wie es etwa Marx im Anschluss an Hegel in „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ angedeutet hatte.[58] Im Sinne des narrativen Konstruktivismus behauptet er vielmehr, einem historischen Geschehen sei keineswegs ein tragischer oder sonst ein Plot eingeschrieben. In seiner verwegenen, aber durchaus anregenden Theorie stellt White vielmehr Familienähnlichkeiten dieser nachträglich durch Historiker/innen entworfenen Plots mit bestimmten formalen Argumentationsweisen, ideologischen Vorannahmen und schließlich mit sprachlichen Tropen her, welche die Gedankenbewegungen eines Textes strukturieren.[59]

Anders als etwa bei Ricœur ist das Erzählen bei White jedoch negativ konnotiert. Die konstatierte „Geschlossenheit” vieler historischer Erzählungen des 19. Jahrhunderts ist für ihn ein Indiz, dass die Geschichte sowohl an das „moralische Bewusstsein” als auch an die „moralische Autorität des Erzählers” angekoppelt bleibt.[60] Aus diesem Grund begreift er Narrationen als „ein ideologisches Instrument”.[61] Whites kritische Haltung gegenüber solch geschlossenen Erzählungen mündet in einer Favorisierung ironischer – d.h. selbstreflexiver – Erzählverfahren, die derartige Erzählungen aufzubrechen vermögen.

Rezeption und Debatte

Whites Poetologie historiografischer Darstellungsformen, mit der zugleich ein ideologiekritischer Angriff auf ein positivistisches Wissenschaftsverständnis verbunden war, erntete neben Anerkennung auch vehemente Kritik. Im Zentrum stand dabei sein vermeintlich postmoderner Relativismus: Schließlich hatte er historische Erzählungen pointiert als „verbal fictions” bezeichnet, „deren Inhalt ebenso erfunden wie vorgefunden[62] sei. Vorgeworfen wurde ihm ferner eine weitgehende Ausblendung des Forschungsprozesses und des – von den meisten Historikern ja durchaus reflektierten – Konstruktionscharakters historischer Interpretationen. In der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft traf diese Debatte zudem auf vorgelagerte Diskussionsstränge, wenn etwa die Positionskämpfe der Historischen Sozialwissenschaften gegenüber der traditionellen politischen Geschichtsschreibung in den 1970er- und 1980er-Jahren auch mit Schlagworten wie „Erklären” versus „Erzählen” bzw. „Theorie” versus „Erzählung” geführt wurden.[63] Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die narrativen Dimensionen historischer Sinnbildung nur zögerlich im Zuge der Neuen Kulturgeschichte reflektiert wurden.

Im Streit über „Fakten und Fiktionen” ging es den einen um die Rettung der historischen Wirklichkeit, um eine „Verteidigung der Geschichte”, wenn nicht gar der historischen Wahrheit selbst,[64] während andere den sinn- und identitätskonstituierenden Faktor allein der narrativen Modellierung überwiesen. Dabei beriefen sich die Kritiker auf die Beweiskraft der Monumente und Dokumente der Vergangenheit, auf eine negative Einschränkung der historischen Einbildungskraft durch das „Vetorecht der Quellen”[65] oder auf eine umfassendere, insbesondere argumentativ-erklärende, wissenschaftsimmanente und intersubjektive „Referentialität” der Geschichtsforschung.[66] Literaturwissenschaftler sahen hingegen in der Behauptung der „Fiktionalität” bzw. „Literarizität” der Historiografie das von ihnen bestellte Feld und die „poetologische Differenz” bedroht. Insbesondere die Erzählforschung versuchte deshalb, wie oben skizziert, die Differenzierung zwischen fiktionalem und faktualem Erzählen schärfer zu fassen.[67]

Funktionale Erzähltheorien

Von rein narratologisch argumentierenden geschichtstheoretischen Ansätzen lassen sich funktional und kommunikationstheoretisch argumentierende Ansätze unterscheiden. Damit zeigt sich auch, dass die Überlegungen über die Bedeutung des Erzählens in den Geschichtswissenschaften nicht so neu sind, wie es die Rede vom narrative turn bisweilen erscheinen lässt.[68] So lassen sich prominente Vorläufer im 19. Jahrhundert ausmachen – allen voran Johann Gustav Droysen. In seiner „Historik” unterscheidet Droysen nämlich zwischen „untersuchenden”, „erzählenden”, „didaktischen” und „diskussiven” Darstellungsformen, denen jeweils unterschiedliche Funktionen in der Verständigung über Geschichte zukommen.[69]

Bezugnehmend auf Droysen, aber in pointierter Abgrenzung von poetologisch bzw. rhetorisch orientierten Narrativitätstheorien misst auch Jörn Rüsen der Erzählung einen wichtigen Aspekt für die Sinnkonstitution und Orientierungsleistung der Historie zu. Seine idealtypische Konstruktion unterscheidet zwischen „traditionalem”, „exemplarischem”, „kritischem” und „genetischem” Erzählen.[70] Obwohl er Beispiele für alle Formen in der Gegenwart findet, impliziert Rüsens Typologie eine „fortschrittsgläubige, teleologische Figur”[71], die das kritische und genetische und damit gleichzeitig rationalitätsbezogene und argumentative Erzählen letztlich favorisiert. Damit kann zwar erklärt werden, warum die Geschichte in der Geschichtsschreibung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert über Figuren wie Fortschritt und Prozess, Evolution und Revolution in Bewegung gerät, andererseits erscheinen traditionale und exemplarische Erzählweisen vorschnell als überholte Formen historischer Sinnbildung.

Anwendungsfelder

Narratologische Ansätze haben ihren Ort nicht nur in der historischen Methodologie und Theoriebildung bzw. Historik. Wie im Folgenden skizziert, sind sie vielmehr in den verschiedensten historischen Forschungsfeldern zur Anwendung gekommen und haben nicht zuletzt eine textanalytisch gewendete Quellenkritik und multiperspektivische Darstellungsverfahren befördert.[72]

So wurden narratologische Ansätze zunächst in der Historiografiegeschichte als Herausforderung begriffen, sich mit dem Zusammenhang von Literatur und Geschichte, von Ästhetik und Wissenschaft, auseinanderzusetzen. Im Zentrum stand hier der Austausch der modernen (Geschichts-)Wissenschaften seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit literarischen, später auch filmischen und anderen medienspezifischen Erzählmustern.[73] Die in der historiografiegeschichtlichen Forschung lange verbreitete Auffassung, dass die „Verwissenschaftlichung der Geschichtswissenschaften” quasi zu einer Anästhetik[74] der Darstellung geführt habe, ist dabei zunehmend in Frage gestellt worden.[75] Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang insbesondere Arbeiten, die sich mit den Interdependenzen zwischen Historiografie und Literatur beschäftigen. Diese heben die starre Dichotomie von „Fakten und Fiktionen”, von wissenschaftlichen und literarischen Erzählungen auf, die sowohl den Texten Whites als auch vieler seiner Kritiker eingeschrieben ist. Explikative Sinnmuster, die sich aus der Narrativität historiografischer Darstellungen ergeben, müssen – dies zeigt gerade Paul Ricœur überzeugend – nicht mit einer vermeintlichen Fiktionalität des historischen Diskurses gleichgesetzt werden. Vielmehr geht es um gegenseitige Anleihen, also die „Überkreuzung von Historie und Fiktion”[76], wie sie sich etwa in bestimmten Plausibilisierungsstrategien historischer Erzählungen und der Adaption literarischer und dokumentarischer Erzählverfahren in der Geschichtsschreibung manifestieren.

Versuche, das tropologische Modell Whites unmittelbar auf die Historiografiegeschichte anzuwenden, konnten kaum überzeugen.[77] Anders verhält es sich hingegen mit der Identifizierung der vier Erzählmuster (Tragödie, Romanze, Komödie, Satire und Ironie) und ihren jeweiligen ideologischen Implikationen. Sie sollten jedoch nicht allein als Konstruktionsmuster, sondern auch als Rezeptionsmuster von Geschichte aufgefasst werden, die einem größeren Geschehenszusammenhang einen konsistenten, intersubjektiv nachvollziehbaren Sinn zuweisen. Konkurrierende Geschichtserzählungen können dann darauf hin analysiert werden, wie sie bestimmte Ereignisse in unterschiedlichen narrativen Erklärungsmustern präsentieren. Solche dramatischen Sinngebungs- und Rezeptionsmuster von Geschichte sind nicht allein in der Wissenschaft, sondern – viel stärker noch – in der biografischen und kollektiven Erinnerung sowie in populären Geschichtserzählungen zu finden.[78]

Die Interferenzen zwischen literarischen und historiografischen Erzählungen sind insbesondere im Hinblick auf die sogenannte Sattelzeit um 1800 und die Entstehung des Historismus umfangreich analysiert worden. So gehen Arbeiten der Frage nach, wie sich die „goethezeitliche Ästhetik” (Fulda) und die Entstehung des modernen Romans (Süssmann) auf die Geschichtsschreibung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgewirkt haben.[79] Daran anschließende Versuche, die Entwicklung der Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert teilweise mit den literarischen Avantgarden in Beziehung zu setzen, hatten eher experimentellen Charakter.[80] Anders sieht es hinsichtlich der Adaption kriminalliterarischer bzw. detektivischer Schemata in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung aus, die sich bis ins 19. Jahrhundert gut zurückverfolgen lässt.[81] Insgesamt lässt sich beobachten, dass narratologische Ansätze in der Historiografieforschung weniger verbreitet sind, sobald es um die jüngere Zeitgeschichtsschreibung geht. Gerade Studien über das Wirken von aktuellen Zeithistoriker/innen fokussieren mehr auf gesellschaftliche oder institutionelle Fragen als auf die narrative Sinnkonstruktion.[82]

Daneben beziehen sich zahlreiche Studien auf die skizzierten Ansätze einer kulturhistorischen Narratologie. Hierunter lassen sich auch eher klassische historiografiegeschichtliche bzw. geschichtskulturelle Arbeiten einordnen, die sich nationalen, aber auch zunehmend transnationalenmaster narratives, méta récits bzw. „Meistererzählungen” widmen.[83] Darunter kann eine „kohärente, mit einer eindeutigen Perspektive ausgestattete und in der Regel auf den Nationalstaat ausgerichtete Geschichtsdarstellung” verstanden werden, die „öffentliche Dominanz” bzw. hegemoniale Deutungsmacht erlangt (etwa über den „Deutschen Sonderweg”, die „Liberalisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik” oder aber den „Clash of Civilisations”). Meistererzählungen lassen sich hinsichtlich inhaltlicher, struktureller, methodischer, argumentativer, legitimatorischer, semantischer Charakteristika (Auswahl der Ereignisse, Analyse von Anfang und Ende der Erzählung, Rationalitätskriterien, grundlegende Begriffe etc.) sowie hinsichtlich des „Bezug[s] zu den sozialen Praxen der Traditionsstiftung und Geschichtspolitik”[84] analysieren, um deren gesellschaftliche Bedeutungskraft nachzuvollziehen.[85] Ist in diesen Untersuchungen von „Leidens-” und „Verfallsgeschichten”, von „Sonderwegen” und „Irrwegen”, von „Erfolgsgeschichten” bzw. dem Muster von „Aufstieg und Fall” die Rede, kann dies mit Hayden White auch als eine tragödienhafte, romanzen- oder komödienförmige Geschichtsauffassung bezeichnet werden.[86]

Für den Bereich der historischen (Auto-)Biografieforschung, der Erinnerungs- und Gedächtnisgeschichte[87] sowie der Oral History[88] kann man festhalten, dass sich biografische Formen des Erzählens in der ein oder anderen Weise auf kulturell geprägte master narratives beziehen. Biografien etwa können sich in derartige Erzählmuster einschreiben – oder aber sie grenzen sich von ihnen ab und versuchen, Korrekturen an den dominanten Erzählmustern vorzunehmen. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit können einige typische Erzählmuster und Topoi benannt werden: die Konversions- und Bekehrungsgeschichte, die die Darstellung eines zentralen Bruchs ist, durch den das überwundene Leben weitgehend als überholt, wenn nicht gar als Irrtum dargestellt wird.[89] Beichte und Selbstbekenntnis[90] als narrative Grundmuster der Autobiografie stehen – gerade im 20. Jahrhundert – exkulpatorischen Narrativen des „Unpolitischen” oder des „Technikers” entgegen, die jeweils „nur der Sache gedient” haben wollen.[91]Psychologische bzw. psychoanalytisch inspirierte Erklärungsmuster lassen sich in Erzählungen von Traumata,[92] aber auch im Topos des „faustischen Charakters” oder dem Muster von „Jekyll and Hyde” wiederfinden.[93]

In der Biografie lässt sich darüber hinaus der Zusammenhang von Lebenswenden und politisch-sozialen Umbrüchen analysieren. So liegt dem Schreibanlass oft eine kontingente und krisenhafte Zäsurerfahrung zugrunde, die in eine Selbsthistorisierung, eine Selbsttherapie oder Emanzipationserzählung mündet.[94] Die biografische Erzählung transformiert Zeiterfahrung in Sinnzusammenhänge, indem sie das „Einst und Jetzt in ein Verhältnis zueinander” setzt und damit Kontinuitäts- oder aber Zäsurbewusstsein signalisiert.[95] Die traditionelle (Auto-)Biografie versucht dabei, einen sinnvollen Geschehenszusammenhang zu konstruieren: Durch das Beharren auf der Chronologie können Gleichzeitigkeiten eingefangen werden, während ihr Aufbrechen die Möglichkeit birgt, Ungleichzeitigkeit und damit die Zusammenhänge von weit auseinanderliegenden Ereignissen zu erschließen. Die identitätsbildende narrative Kohärenz ist freilich von Pierre Bourdieu als „biografische Illusion”[96] enttarnt worden.[97] Nicht nur deshalb ist umstritten, ob die (auto-)biografische Erzählung auf kulturelle vorhandene Narrative nur zurückgreifen oder ob sie durch die „tatsächliche individuelle Erfahrungsgeschichte […] zwischen verschiedenen zirkulierenden Interpretationsmustern” entscheiden kann und dabei die sozial konstruierten Deutungsmuster umbaut und modifiziert.[98] Verwiesen sei schließlich kurz darauf, dass das biografische Erzählmuster zunehmend auf andere Sujets angewendet wird, etwa im Rahmen von „Objektbiografien” bzw. anhand von „biografischen Objekten” im Zuge von Studien zur Materiellen Kultur[99] oder aber auch für die Geschichte von Städten.[100]

Ferner sind narratologische Ansätze im Anschluss an White und Rüsen jüngst auch in historischen Nachbarwissenschaften wie der Archäologie aufgegriffen worden. Dabei geht es nicht zuletzt um die Frage, ob und inwieweit sich archäologische von herkömmlichen historischen Erzählweisen – etwa aufgrund unterschiedlicher Evidenzen (materielle statt Schriftquellen) – unterscheiden.[101]

In der wissenschaftshistorischen Forschung hat man gerade erst begonnen, sich intensiver mit der Funktion des Erzählens in verschiedenen epistemischen Kontexten zu beschäftigen.[102] Hier tut sich ein doppelter Fragekomplex auf: Zum einen geht es um die Darstellung und Vermittlung von Wissen, zum anderen um die weiterreichende Frage, inwieweit Erzählungen nicht bereits bei der Konstitution von Wissen eine Rolle spielen. Von einer epistemischen Funktion des Erzählens kann (abgesehen von der skizzierten kognitiven Bedeutung) dort gesprochen werden, wo „Fakten aus Fiktionen”[103] generiert werden – etwa wenn differente Szenarien narrativ durchgespielt werden oder ganze Welterklärungsmodelle in narrativer Form daherkommen (Paradebeispiel hierfür ist die Evolutionstheorie).[104] Die repräsentative Funktion des Erzählens bezieht sich auf die Darstellungs- und Vermittlungspraktiken in den Wissenschaften.[105] Die Bedeutung des narrativen Modus scheint dabei insbesondere in populärwissenschaftlichen Darstellungen, in disziplinhistorischen Überblicken oder Biografien von Wissenschaftler/innen offensichtlich. Dabei kann keineswegs generell davon ausgegangen werden, dass die Bedeutung narrativer Strukturen abnimmt, je mehr man sich von populären wissenschaftlichen Darstellungsweisen abwendet und an fachüblichen Konventionen orientiert. Gerade die jüngere Wissenschaftsforschung hat sich intensiv mit der wissenschaftlichen Textproduktion beschäftigt und in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung wiederkehrender Erzählmuster hingewiesen.[106]

Auch in anderen geschichtswissenschaftlichen Arbeitsfeldern haben sich narratologische Ansätze als hilfreich erwiesen.[107] Nicht zuletzt kann man auch nach den medialen Voraussetzungen für das Schreiben von Geschichte und deren Auswirkungen auf die Ausbildung und Modifizierung von historischen und historiografischen Narrativen fragen. Dabei kann es etwa um die Auswirkung archivalischer und bibliothekarischer Praktiken – das Exzerpt und der Zettelkasten, handschriftliche Praktiken, die Nutzung der Schreibmaschine, des Diktafons oder aber des Computers – auf die Konzeption historischer Narrative gehen.[108] Diese Fragen sind insbesondere im Hinblick auf das Schreiben der Geschichte im Internetzeitalter neu diskutiert worden – und sind weiter zu diskutieren.[109]

Zusammenfassung: Offene Fragestellungen und Problemfelder

Hat man das Erzählen früher als vermeintlich außer- oder vorwissenschaftliche Darstellungsweise abgetan, steht die Narration in der kultur- und wissenschaftlichen Forschung heute hoch im Kurs. So ist weithin anerkannt, dass der narrative Modus nicht nur bei der Repräsentation, sondern bereits bei der Konstitution von Wissen eine wichtige Rolle spielt. Von daher scheint es gänzlich unangebracht, wissenschaftliche und literarische Verfahrensweisen in ein antagonistisches Verhältnis zu setzen. Vielmehr sollte es darum gehen, die Interferenzen und gegenseitigen Anleihen beider Erzählformen weiter herauszuarbeiten, was freilich mitnichten bedeutet, deren Differenzen einzuebnen oder gar einer Nichtexistenz außertextlicher Wirklichkeiten das Wort zu reden.

Eine solche narratologische Untersuchung scheint im Falle der Historiografie besonders fruchtbar, steht diese doch dem Erzählen von jeher besonders nahe. Leider ist die Debatte über die Überlappungen von Historie und Fiktion bis heute vornehmlich auf Hayden White fokussiert. Eine stärkere Berücksichtigung fachspezifischer Anforderungen und forschungspraktischer Faktoren hätte diesen davor bewahrt, den – unhintergehbaren – narrativen Konstruktionscharakter jeder historischen Erzählung als alleiniges Merkmal historiografischer Sinnkonstruktion anzusehen. Denn eine zentrale Problematik seiner Überlegungen bleibt, dass er auf die historiografische Forschungspraxis, die dokumentarische Beweiskraft und eine umfassender gedachte innerwissenschaftliche Referenzialität der Geschichtsschreibung gar nicht eingeht.

Gleichzeitig sollte aber in diesen Interpretationshorizont auch jeweils die „Erzählkultur“ einbezogen werden, und damit die Frage, welche in Literatur, Wissenschaft und Gesellschaft bestehenden Erzählmuster zur Verfügung stehen, um eine Geschichte zu erzählen, und welchen Bedeutungsüberschuss sie jeweils mit sich führen. Zudem gibt es gute Gründe, an einer pragmatischen Unterscheidung zwischen fiktionalen und faktualen Erzählungen im oben erläuterten Sinne festzuhalten (und diese Differenz nicht mit einer ontologischen Differenz zwischen Fiktion und Realität zusammenlaufen zu lassen). Dabei sollte jedoch die Grenze zwischen Historiografie und Literatur, zwischen faktualer und fiktionaler Beglaubigung stets offen gehalten werden, um ein möglichst breites Verständnis unterschiedlicher Modi historischer und wissenschaftlicher Sinnbildung zu erlangen. Anzuregen wäre ferner, sich bei der Untersuchung historiografischer Texte nicht mehr vornehmlich auf die Makroebene, d.h. auf übergreifende Plots oder Narrative zu fokussieren, sondern auch einzelne Komponenten von Erzählungen einzuschließen. So gibt es etwa bisher kaum Untersuchungen zur historiografischen Repräsentation bzw. narrativen Konstitution historischer Akteure.[110]

Freilich haben nicht allein narratologische Ansätze auf die Bedeutung der Sprache für die Konstitution von Geschichte hingewiesen. Vielmehr basieren auch Begriffsgeschichte, Historische Semantik und Historische Diskursanalyse auf dieser Vorannahme. Umso erstaunlicher ist es, dass deren Zusammenhang sowie ihr unterschiedliches Erklärungspotenzial selten diskutiert werden. Sowohl in theoretischer als auch historiografiegeschichtlicher Perspektive wäre es insofern lohnenswert, zu fragen, wie Begriffe und Metaphern Narrationen prägen und ob bestimmte Erzählmuster auf markante Begrifflichkeiten angewiesen sind.[111] Das Gleiche gilt – en grosso modo – auch für die Historische Diskursanalyse.[112] Hier drängt sich insbesondere die Frage auf, in welchem Verhältnis ein auf die Ordnungsfunktion von Sprache abzielender (und daher eher synchron angelegter) Diskursbegriff zu dem linear und temporal organisierten Begriff der Narration steht.[113]

Historikern und Historikerinnen geht es von jeher darum, vergangenes Geschehen durch Rekonstruktion der „vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umstände”, unter denen Menschen handeln, verständlich zu machen. Sie sollten dabei nicht davor zurückschrecken, dieses Verfahren auch auf sich selbst anzuwenden und jene Umstände genauer zu untersuchen, unter denen sie handeln, d.h. Geschichte schreiben.

0 Replies to “Koschorke Narrative Essays”

Lascia un Commento

L'indirizzo email non verrà pubblicato. I campi obbligatori sono contrassegnati *